Züchtigung

Kalt, nass, überfüllt, aber in gewisser Weise die Stadt der Herzen. Hier war er teilweise groß geworden. Hatte gelernt, sich durchzusetzen. Zu kämpfen um das was er wollte und für die, die ihm lieb waren.
Hamburg ist alles Mögliche, aber keine leichte Stadt. Und zwiegespalten bis ins Mark. Auf der einen Seite die Stadt der Künstler. Der Maler, der Bildhauer, der schöngeistigen Künste und der Musicals. Auf der anderen Seite Huren, Zuhälter, Kriminalität und Behördenwillkür.

Auf der einen Seite eine schöne Stadt. Wundervolle Wohnviertel in denen die lebten, die es geschafft hatten. Auf der anderen Seite Industrie und Warenumschlag ohne Ende und das unvermeidliche Problem der Unterwelt.
Aber gerade diese Widersprüche führten dazu, dass man nicht anders konnte, als diese Stadt zu lieben.
Ja, hier war er zuhause. Der unauffällige schwarze BMW schnurrte wie von selbst an sein Ziel. Ludwig Erhardt Straße, ein Blick auf den Michel. Weiter durch den Verkehr wuseln. Unauffällig bleiben. Nur nicht auffallen. Selbst die GSI und GTI – Fraktion mit ihren unmöglichen, aufgemöbelten Kasperbuden konnten ihn nicht reizen. Dabei war gerade BMW das Hauptanlegerziel dieser Vollspacken.
Ihm war es egal. Wie von selbst trieb der Wagen in Richtung Neuer Jungfernstieg. Im Hotel Vier Jahreszeiten, schon klar. Und er musste unauffällig bleiben. Ungläubig schüttelte er den Kopf. Ne bessere Absteige gibt’s in Hamburg kaum. Allein für die simpelste Übernachtung musste man 250 Euro hinlegen, und das auf Kosten des Steuerzahlers. Ihm konnte es egal sein.

Das Foyer war bombastisch. Anders war es nicht zu beschreiben. Er allerdings folgte seiner über Jahre gewachsenen Ausbildung. Intuitiv checkte er Eingänge, Ausgänge, mögliche Fluchtwege und die Teile des Raumes, in denen man in Deckung gehen oder sich gar vollständig verstecken konnte. Alles innerhalb ein paar Sekunden. Ein Riesenraum, der multiple Möglichkeiten barg. Allein die riesige künstliche Palme nahe der Nottreppe war sehr geeignet, den Raum zu sondieren und nötigenfalls unerkannt zu verschwinden.
Kopfzerbrechen bereitete ihm die breite, fast umlaufende Balustrade, von der man einen erhabenen Blick auf das Getümmel im Foyer werfen konnte.
Ohne den Concierge auch nur eines Blickes zu würdigen, marschierte er, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, auf den Lift zu.
„Penthouse“ Knurrte er dem schwul aussehenden Liftboy zu, der es fortan nicht einmal ansatzweise wagen würde, ihm ein Gespräch aufzwingen zu wollen.
Als die Lifttüren sich öffneten raste sein Blick durch den Korridor.
Ein Wächter. Groß, blauäugig und mit fetten Muskelpaketen versehen, die beinahe sein Jackett zu sprengen drohten. Ach das verstand der BND unter unauffällig. Mein Gott…. wie wäre es, unten im Foyer einen Flyer anzubringen mit der Aufschrift:
Zur Spionin bitte ins Penthouse und seien sie freundlich zu dem Mann ohne Gehirn.

Er zückte seinen Ausweis, hielt ihn dem Muskelmann vor die Nase. Klar, dass der Typ den Finger am Drücker hatte, als Rudolph sich näherte. Der kleine, metallene Aktenkoffer, den er so unauffällig krampfhaft festhielt, barg sicherlich keine Akten. Nein, das war Teil der Ausrüstung für BND Außendienstler. Drinnen war eine Heckler und Koch Maschinenpistole.
Mit einem Druck auf den Knopf am griff fielen die beiden Hälften des Koffers auseinander und er hatte das Ding innerhalb einer Sekunde schussbereit.
Nun, dachte Rudolph, was nützt die Sturmfreie Bude, wenn die Treppe knarrt.
Man muss mit dem Ding auch umgehen können. Er kannte die Ausbildung des BND. Richtige Agenten lachten sich darüber kaputt. Vor allen Dingen, weil die Jungs wirklich dachten, sie wären gut.
Er nickte kurz und überaus wichtig, nahm den Daumen vom Knopf und sagte:
„Pass auf Junge, die Ziege beißt“
„Dann mach mal Feierabend Sportsfreund. Und stoß nicht mit den Oberarmen die Blumen um“
„Alter, willst du mich anmachen?“ Drohte der Muskelmann und pumpte sich auf.
„Klar Süßer, aber pass auf. Wenn ich mit dir fertig bin, krauchst du nach hause, dass du denkst, dich hätte ein Büffel gestoßen“
Das Gesicht des BNDlers gefror zu einer harten Maske. Derlei Unverschämtheiten war er nicht gewohnt. Vor allem nicht von einem dicklichen Vollbartträger, der aussah, als wäre er eben erst aus dem Bett gefallen. Na, da hatte er ja was gelernt oder?
Der elektronische Schlüssel entriegelte das Schloss und ohne auf den Schwarzenegger- Verschnitt zu achten, trat er ein. Klingeln? Nein, warum denn? Die Dame lebte hier auf Staatskosten, da musste man sich schon ein paar Dinge gefallen lassen oder? Immerhin kostet eine Übernachtung in einer Penthouse- Suite schlappe 575 Euronen.
„Hallo“
Keine Antwort.
„Zimmerservice, der Snack ist da!“
Immer noch keine Antwort. War sie getürmt?
„Hierhin, ins Bad!“
Aha, eine Stimme. Weiblich, ganz eindeutig. Herrisch aber nicht wirklich. Bestimmend könnte man sagen. Was aufgrund ihrer delikaten Situation verwunderlich war. Denn wäre sie nicht in Gefahr, wäre Rudolph nicht hier.
Aufreizend langsam betrat er das Bad. Luxus pur, aber dafür hatte er keinen Blick. Die badende Venus interessierte ihn viel mehr. Und vor allem die Leichtgläubigkeit, die beinahe schon an Ignoranz grenzte, als sie sich nicht einmal umdrehte, wenn jemand das Bad betrat. Unerhört.
„Was haben Sie denn schönes für mich?“ Turtelte sie, ein wenig weniger herrisch.
„Kamelscheiße und Haarfestiger, Brotkrümel und schwarzen Kaffee!“
Das saß. Wie von einem Stromschlag getrieben sprang sie aus der Wanne und sah sich gehetzt um. Sah den unauffälligen komischen Typen, der lässig am Rahmen der Tür lehnte, wie ein Stück Käse auf Toast aussah und dümmlich grinste. Hätte sie auf seine Augen geachtet, wäre ihre Reaktion weniger krass ausgefallen.
Da sie das aber nicht tat, schnappte sie sich den ersten Gegendstand, den sie erreichen konnte und warf nach ihm. Gut, ein Fön ist sicherlich, hart geworfen, ein Instrument, das verletzen kann. Aber eben nicht, wenn das Kabel noch in der Steckdose steckt und 20 cm vor dem grinsenden Gesicht des Mannes abrupt in der Luft anhält und polternd zu Boden fällt.
Wortlos zeigte der Mann auf die große runde Bürste, die auf dem Waschbecken lag. Die Ingenieurin griff danach und schleuderte sie ihm entgegen.
Der trainierte Typ war allerdings, als sie den Blick abgewandt hatte um nach der Bürste zu greifen, an die andere Seite des Türrahmens gewechselt. Somit verfehlte das Geschoß sein Ziel und kam sehr weit hinten in der Suite zu Fall.
Mit amüsiert- spitzem Finger deutete der Mann auf das Beauty- Case der Dame und ohne zu merken was sie tat, griff sie in ihrer schutzlosen Nacktheit, erfüllt von Wut und Überraschung zu.
Erst im letzten Moment realisierte sie, dass sie fremdgesteuert wurde und dabei war, ihre gesammelten visagistischen Kostbarkeiten dem Exitus zuzuführen. Schnaufend fing sie das Case wieder ein und wurde sich im gleichen Moment bewusst, dass sie außer ein paar hartnäckigen Schaumkronen nicht sehr bekleidet war.
„Fertig?“ Seine sonore, in keinster Weise aufgeregte Stimme hörte sich ruhig, beinahe gelangweilt an. Klar, er hatte die volle Kontrolle und sie fühlte sich wie ein kleines dummes Mädchen, das beim Äpfelklauen erwischt worden war. Das würde sie dem Arsch heimzahlen, ganz bestimmt! Aber jetzt hieß es: Contenance. Ruhig bleiben, das Adrenalin abbauen und Herr(in) der Lage werden. Und dann wie gewohnt ihre weiblichen Waffen ausspielen.
„Nein ich habe gerade erst angefangen, sie impertinenter Mensch. Wer sind sie überhaupt?“
„Niemand“
„Stimmt, niemand sind sie. Und soll ich ihnen was sagen? Ihr Nachname ist: Nichts“
„Oh, das klingt interessant. Hört sich an, als hätten wir beide tolle Namen. Niemand Nichts und Zora Zicke“
„Arschloch“ Entgegnete sie und Rudolph beschloss, dass er diese komische Frau überhaupt nicht leiden konnte. Irgend etwas war sehr seltsam an ihr. Es schien fast, als wären da ein paar Dinge verschoben. Ihr untersetzter, weiblicher Körper mit den zugegebenermassen sehr üppigen, wohlgeformten Brüsten erinnerte ihn an afrikanische Fruchtbarkeitsgötzenbilder, ihr funkelndes Gesicht glich der wutschnaubenden Drohgebärde einer Wikingerkriegerin, aber ihre aufbrausende, leicht ins obszöne geratene Ausdrucksweise schien so gar nicht zu passen.
„Ziehen sie sich was an und kommen sie raus, wir haben zu reden“

Er sagte das mit der unmissverständlichen Art, die einfach keinen Widerspruch zuließ. Nicht aufbrausend, nicht erregt, nicht sauer und ohne erkennbare Emotionen. Es war einfach eine Art bittender Befehl, dem sich zu widersetzen einfach nicht möglich war.
So drehte er sich um und ließ sie einfach stehen. Die Frau, an ihrer Haut folgten die letzten überlebenden Schaumfragmente der unerbittlichen Schwerkraft, stand wie vom Donner gerührt da und war einen Augenblick nicht in der Lage, die Situation einzuordnen.
Dieser massige Angeber vor der Tür mit seinem Tuntenkoffer war leicht auszuspielen. Ein wenig mit dem Arsch wackeln, einen Blick in den Ausschnitt gewähren und er machte Männchen. Dieser hier war ein anderes Kaliber. Vielleicht war er schwul und es beeindruckte ihn überhaupt nicht, dass sie nackt war. Dann musste sie ihr Spiel, und sie spielte für ihr Leben gern mit Typen, abändern. Frau hat ja Repertoire. Frau ist variabel und kann sich auf verschiedene Situationen einstellen und intuitiv den rechten Weg wählen. Na warte, Freundchen, dich krieg ich dran!

Rudolph stand am Fenster. Sah über seine Stadt. Aber egal welche Stadt es auch immer sein mochte, im Winter sahen alle grau und tot aus.
Die Frau war mittlerweile zwar weniger, aber immer noch wütend, aus dem Bad gekommen und ließ sich in das breite lederne Sofa fallen.
„Also?“ Sagte sie, den unnützen Versuch machend, neutral zu wirken.
„Was ist hier los“ Fragte.
„Was meinen Sie?“ Verwirrung. Unglaube. Der Typ sollte aufpassen, dass keiner, der keine Berechtigung hatte, hier reinmarschierte. Und der Depp wagte es, zu fragen.
„Ganz einfach. Sie sind hier, um bewacht zu werden. Dem Hirni dort draußen können sie was vom Dreibeinigen Hund erzählen, aber mir nicht. Ingenieurin aus Shanghai gekommen. Tolle Wurst, was haben Sie mitgehen lassen, die architektonischen Urpläne des Mao Palastes oder was? Hier ist was anderes im Gange Lady, und das muss ich wissen“
„Einen Scheiß müssen Sie wissen. Machen Sie ihren Job, passen sie gut auf und lassen sie mich in Ruhe. Was wissen Sie schon!“
„Nichts, und genau das ist der Punkt. Ich weiß nicht, worauf ich mich einstellen muss. Das erschwert meine Aufgabe und verkürzt notfalls ihr Leben, comprende?“
Sie dachte nach. Unrecht hatte er nicht, aber der Idiot könnte ihr wenigstens den Respekt erweisen, ihr beim reden nicht den Rücken zuzudrehen.
„Ich bin Genetik- Ingenieurin, reicht das?“
Rudolph war es nun, der sich überrascht umdrehte und ihr seine ganze Aufmerksamkeit schenkte. Denn dieser Umstand änderte alles von Grund auf.
„Ja, das ändert die Sachlage. Wer ist hinter ihnen her? Eine der Triaden oder gar der chinesische Geheimdienst?“
Die Triadenbanden waren gut, aber nicht gut genug. Der Chinesische Geheimdienst allerdings war eine völlig andere Hausnummer. Vor allen Dingen, weil es deren 8 gab. Sechs öffentlich bekannte und 2 deren Existenz ebenso verschwiegen wurde und wird, wie Rudolphs eigene. Das MSS ( Ministerium für Staatssicherheit) glich der offiziellen Kontur des BND. Alles Bananen. Schlimmstenfalls bekamen sie es mit Chin Zhang zu tun. Die Jungs waren wirklich gut. Sicherlich, man könnte denken, ein Asiat fiele hier in Europa immer und überall auf. Aber nicht Chin Zhang. Man sah und hörte sie weder kommen, noch gehen. Selbst die abgesperrtesten Areale wurden infiltriert und unerkannt verlassen. Wie Gespenster waren diese Typen. Und hatten schlimmere Meuchelmethoden drauf wie weiland die Ninja. Nicht umsonst heißt Chin Zhang auf Deutsch unsichtbarer Nebel.
Nun war er besorgt, zeigte es aber nicht.
„Hören Sie, das ist wichtig. Sie haben etwas, das die wieder zurück haben wollen. Ich muss nur einordnen, wer hinter ihnen her ist. Es gibt da nämlich ein paar ganz böse Buben, die fiese Tricks auf Lager haben ( Rudolph dachte an das Sprengband in der Krawatte seines letzten „Opfers“, das war nämlich seine Idee) und wenn ich mich auf die vorbereiten muss, muss ich das jetzt wissen“
Sylvia dachte nach. Ihr war die veränderte, dringliche Art, wie der Typ, dessen Namen sie bislang nicht kannte, aufgefallen. Und erkannte, dass diese Information entscheidend war. Er schien zu wissen, worüber er redete.
„Ich war Gast- Dozentin im staatlichen chinesischen Forschungslabor in Nanking. Bei einer Führung durch die Hochsicherheitslabors in Shanghai steckte mir einer der Laboranten eine CD zu. Ich war so überrascht, dass ich sie an mich nahm. Nichts weiter. Zuhause im Hotel sah ich mir dann an, was dort gespeichert war und flog sofort ab“
„Das war klug. Und dumm, denn dadurch erst haben sie sich verdächtig gemacht“
„Hören sie, ich bin kein Spion oder eine Art weiblicher James Bond für Arme, ich hatte eine Scheiß Angst, aber jetzt bin ich ja wieder hier und um die CD wird ein Mordszinnober veranstaltet. Ich will das alles nicht“
„Wo ist die Disc denn?“
„In meinem Gepäck, das ist ja der Jammer. Als ich hier ankam, war mein Gepäck versehentlich nach Brasilien unterwegs und darauf warten wir jetzt. Es kommt übermorgen an. Und ich warte eigentlich nur darauf, dass ich es mit ihren Leuten abholen kann“

Rudolph dachte nach. Wenn der zugriff jetzt erfolgen sollte, würde das nichts nützen. Der Deutsche Geheimdienst wäre dann alarmiert und würde kurzerhand den Flughafen dicht machen. Nein, wenn die Chinesen eingreifen wollten, dann unmittelbar bei Übergabe des Gepäckes. Das war ihre Einzige Chance. Das heißt aber auch, dass die Frau in relativer Sicherheit war und er entspannte sich.
Urplötzlich, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, war er wieder locker.
„Okay, was essen wir?“
„Was?“
„Essen, Nahrungsaufnahme, Happihappi, du versteh´?“
„Blödmann, wie kann man jetzt an essen denken? Typisch Mann. Erst einen auf Bond machen und den coolen raushängen lassen und dann kommen die Triebe durch, beim Hunger angefangen. Was ist denn nun, bin ich in Gefahr, bin ich es nicht oder was?“

Also für eine Genetik- Ingenieurin eine sehr prollige Ausdrucksweise und Rudolph war sich mehr und mehr darüber im klaren, dass er sie immer weniger mochte. Oder sie spielte ihn etwas vor. Vielleicht weil sie dachte, dass er ein Schwanzgesteuerter Kanonenträger war und nicht sehr helle im Kopf. Und das war nicht nur beleidigend, sondern impertinent.
„Sie sind solange sicher, bis der Flieger mit ihrem Gepäck ankommt.“
„Na dann ists ja gut. Also, was essen wir? Nichts. Erstens habe ich heute Abend ein Date und zweitens würde ich mit ihnen sowieso nichts essen, denn dann würde alles nach Mist schmecken“
„Bitte? Sie haben WAS?“
„Ein Date, ist das so schwer zu verstehen?“
„Hallo! Sie können kein Date haben, wissen sie überhaupt, was das für Ansatzpunkte gibt? Mit wem wollen sie sich überhaupt treffen?“
„Das geht sie einen Scheißdreck an Mister Kay. Aber weil sie so ein netter Mensch sind: Mit einem Mann“
Er hatte die Anspielung schon verstanden.
„Mit einem Mann. Welchem Mann?“
„Keine Ahnung, schon mal was von Blind Date gehört?“
„Das darf nicht wahr sein! Ihnen ist nicht wirklich klar, was….“
Stop. S -T – O – P. Nein nein und noch mal nein. Hatte er gerade Emotionen gezeigt? Hatte er sich echauffiert? Hatte die dämliche Schlampe ihn aus der Reserve gelockt? In der tat. Ihr gewinnendes Lächeln bedeutete ihm, dass er ihr auf den Leim gegangen war. Miststück.
„Wann?“
„Irgendwann heute Abend, ich weiß noch nicht. Aber auf jeden Fall heute Abend“
Rudolph dachte nach. Okay, Madame erwartete doch nicht etwa, dass er den Hof- und Begleithund spielte und vielleicht später vor der Tür mit anhören musste, wie sie sich die Seele aus dem leib f icken würde? Nein, bestimmt nicht.
Ein schneller Blick auf die Uhr. Dann ging er telefonieren.

„Sie haben Glück Lady. Ab 19 Uhr ist meine Ablösung hier, dann sind sie mich los“
„Die erste gute Nachricht heute“ Ätzte sie und verschwand arschwackelnd im Bad.

Den Rest des Nachmittages verbrachte er damit, aus dem Fenster zu schauen, sich die Prince- Imitation von: The most beautiful Girl in the World, gesungen von einer Zicke, anzuhören und die Verbalattacken einer komischen Frau an sich abprallen zu lassen. Im Spitzen setzen war sie einmalig. Dinge wie:
“Kommt heute Abend ein richtiger Mann oder wieder so ein cooler Spinner?“
„Nein, ihr Vater wird nicht hier sein“
Oder:
„Haben Sie Luftballons in die Hose gepackt oder sieht das immer so aus?“
„Luftballons Lady. Die habe ich aus Ihrem BH geklaut“
Er wusste nicht recht, ob er es gut finden sollte, dass sie ihm in den Schritt geschaut hatte. Aber auch das prallte an ihm ab. Und sie ärgerte es, dass er bei seinen rotzigen Erwiderungen nicht einmal den Anflug eines Ärgers zu verspüren schien.
Und sie hörte einfach nicht auf. Was zum Geier trieb sie dazu, ihn ständig zu provozieren? Besonders da der Zeitpunkt sich näherte, sein eigenes Date mit einem Zeitpunkt und mit ein paar Anordnungen zu versehen.
„Wirklich schade, dass da ein paar Typen auf mich scharf sind. Die armen Kerle. Gegen einen so großen und gut gebauten Sixpackträger wie sie einer sind, haben die doch keine Chance“
„Tja Lady, warum in Gottes Namen sollen die Täter besser sein als ihre Opfer?“

Dann war erst einmal Ruhe. 17 Uhr und Madame tigerte durch die Suite wie ein nervöses Huhn. Aber warum nur? War das Date nicht klar? Kam der heiß Ersehnte vielleicht gar nicht? Oder was trieb sie zu dieser fahrigen Unruhe?
„Hören Sie, sie machen mich nervös. Was ist nur los?“
„Geht sie…“
„… einen Scheißdreck an jaja ich weiß.“
Damit ließ er es auf sich beruhen. Der Frau war ohnehin nicht zu helfen und Rudolph konzentrierte sich auf seine Aufgabe.
18 Uhr. Die Zielperson kam aus dem Schlafgemach. Entweder hatte sie vergessen ( was er nicht glaubte) dass ihr Schutzengel noch da war, oder sie wollte ihn wieder einmal provozieren. Der Duft der sicherlich teuren Cremes und Wässerchen schwebte durch den Raum. Seine Zielperson hatte Halterlose Strümpfe an, eine schwarze Hebe, die ihre großen Brüste noch besser zur Geltung brachte und einen Spitzenstring.
Sie marschierte zur Bar und öffnete eine Flasche Sekt. Unnötig zu erwähnen, dass sie nicht im Mindesten daran dachte, ihm auch ein Glas anzubieten.
„Glotzen sie nicht so!“ Trompetete sie, als sie wieder ins Bad marschierte um die Date- Vorbereitungen abzuschließen.
„Sie haben eine Laufmasche“
“Was? WO?“
„Schauen Sie im Spiegel nach“
„Arschloch!“ Die Tür wurde so hart zugeworfen, dass man es bestimmt in den seismischen Stationen in der Antarktis noch bemerkt hatte und der Mann grinste breit. Eigentlich war das ja genau sein Spiel. Aber er war hier auf der Arbeit gewissermaßen und nicht zu seinem Vergnügen unterwegs.
Es klingelte. Endlich die Ablösung. Mit der Linken Hand entsicherte er den Colt und postierte sich so, dass der Lauf unter seiner Jacke auf den Türspalt zeigte. Sein Linker Fuß war so gestellt, dass die Tür nur ein paar Zentimeter weit aufgehen würde.
Coltello stand draußen, er kannte ihn. Halbitaliener und ein Spezialist der Klinge. Ein guter Mann. Einer der wenigen, denen er traute.
„Hey. Komm rein“
In kurzen Sätzen informierte er die Ablösung über seine Vermutungen und versprach, gegen 6 Uhr pünktlich zu sein. Dann verabschiedete er sich von seinem Kollegen, warf noch ein halbherziges: Ciao in Richtung Schlafzimmer und verschwand.
Im Lift kam ihm der Nachmittag wie ein Traum vor. So unwirklich, so künstlich, so gestellt. Einen Augenblick lang hatte er die Vermutung, dass es sich hier eventuell um einen test handelte. Denn diese komische Frau war alles andere als authentisch.
Schulterzuckend verließ er den Lift und sah sich im Foyer gewohnheitsmäßig unauffällig um. Kein einziger Asiat anwesend. Nun, keinen den man sehen konnte jedenfalls.
Doch eine der Taktiken der Chin Zhang war, eine Ablenkungsperson in Reichweite zu postieren, die man ganz bestimmt wahrnahm. Das war gemeinhin ein Zeichen, dass der Übergriff unmittelbar bevorstand.
Rudolph durchquerte die Lounge in Richtung Bar und bestellte einen Cappuccino. Während er auf das Getränk wartete, tippte er eine SMS.
>>Hotel Oper, Drehbahn 15-23, 20 Uhr. Zimmer 405, die Tür steht offen. Verbinde dir die Augen und tritt ein<<
Dann lächelte er. Es war das erste, erwartungsfrohe Lächeln seit langem.

Das Spielfeld war bereit.
Sicherlich, das Hotelzimmer glich in keinster Weise dem überschwänglichen Luxus einer Suite im Schutzprogramm, aber es war recht gemütlich, nicht dreckig und vor allen Dingen so ausgestattet, wie Rudolph es sich vorgestellt hatte. Ein Eckzimmer im 4ten Stock.
Zu einem Zeitpunkt, an dem es auch einmal laut werden konnte. Denn die Zimmer in den Ecken der Hotels sind zumeist bauartbedingt, und besonders hier, so gestaltet, dass die Wohneinheit so zwischen Badezimmer und Schlafraum lag, dass, wenn man die Türen schließt, relativ wenig Geräusche nach außen dringen würden.
Und es war nicht das Erste Mal, dass Rudolph hier einkehrte.
Alles lag bereit, das Bad war sauber und Rudolph war in einer Art Spannung gefangen, die ihn immer wieder ergriff, wenn er jemanden treffen sollte, den er im Grunde nicht kannte.
Die paar Parameter, die er wusste, die paar Dinge die er ahnte und die paar Dinge, die zwischen den Zeilen zu lesen waren, waren mehr als dürftig.
Was er wusste, war, dass diese Frau hungrig war. Hungrig und neugierig. Zielstrebig und von einer Inneren Unruhe getrieben, die der seinen glich.
Er zündete ein paar Kerzen an, verteilte sie so im Raum, dass er alles halbwegs erkennen konnte. Die Vorhänge zugezogen, alle Utensilien die zu brauchen er glaubte, lagen bereit.
Was würde passieren? Würde etwas passieren? Wäre sie so, wie er es sich vorgestellt hatte oder passte die Chemie nun gar nicht?
Er war überaus anspruchsvoll, was das anging. Entweder es passte, dann konnte passieren was wollte oder es passte nicht, dann käme man über ein Glas Champagner nicht hinaus. Das war schon immer so und würde auch so bleiben. Alles andere wäre scheinheilig und unehrlich.
Dabei hatte er mehr als deutlich kommuniziert, was er mochte. An Kleidung, an Schminke, an der Art, wie die Haare sein sollten.
Mithin war das nichts, was andere Männer nicht ebenso mochten. Also konnte „Frau“ sich so bekleidet und hergerichtet auch auf der Strasse sehen lassen.
Was wirklich wichtig war, war das, was im Inneren der Menschen abging.
Er schätzte sie so ein, dass sie die Äußeren Parameter freudig erfüllen würde, da sie ihrem Anspruch entgegen käme. Aber kampflos würde sie sich auf gar keinen Fall ergeben, auch wenn es ihr sehnlicher Wunsch wäre. Nein, er würde sich anstrengen müssen. Das einfache „zu Boden Knuten“ wäre hier vollkommen unangebracht. Das kann man mit Dummsubs machen oder Menschen mit weniger hohen Ansprüchen. Aber wie hatte vor Jahren einmal eine Kollegin gesagt:
„SM können nur intelligente Leute wirklich leben. Anders geht es gar nicht“
Im Laufe der Jahre hatte er gelernt, dass dieser zugegebenermaßen großkotzige Spruch zutraf wie sonst nichts.
Und Intelligenz beinhaltet nicht das niederschlagen von Aufständen, sondern das Erreichen der geistigen Oberhand.
Es klingelte. Ein Blick auf die Uhr. 19:45 Uhr? Das war sie nicht.
„Herein“
Der Zimmerservice. Schweigend baute die junge Dame das Buffet auf. Ihren beinahe unauffälligen Seitenblick auf den metallenen Koffer nahm er schon wahr. Hübsche Frau. Nur zu jung.
„Lassen sie dir Tür bitte angelehnt? Ich erwarte noch Besuch“
„Wie Sie wünschen“ Sagte sie und verschwand.
Was die wohl denken mochte…. angesichts der Kerzen und der Spannung im Raum.
Eigentlich konnte es ihm egal sein, aber wie immer dachte er zuviel.
Nun war der Moment der Wahrheit nicht fern. Tief atmete er durch. Spannung baute sich auf und ein wenig geriet sein Geist bereits im Vorfeld in die Schwebe. Was wenn alles passte? Er wusste, dass sie es mochte, benutzt zu werden mit leichtem Nachdruck, wusste aber auch, dass sie ihren „Führer“ respektieren musste, und das konnte er nicht erwarten, sondern musste es sich verdienen. Playfight mochte sie ebenso.
Aber einen Plan hatte er nicht. Wie immer müsste er sich vortasten und seine Intuition entscheiden lassen. Ob sie schon einmal geflogen war, wusste er auch nicht. Alles würde sich in den nächsten Minuten entscheiden. Im Geiste sah er jemanden aus dem Lift treten. Vor der Türe tief durchatmen und den nässenden Schritt ignorieren.
„Da bin ich“
Auf dem Flur. Mutig, mit einer Augenbinde auf dem Hotelflur stehen zu bleiben und seine Präsenz kund zu tun.
„Tritt einen Schritt nach vorn, ertaste die Tür und schließe sie hinter dir“
Unsicher erfühlte sie die Tür. Rudolph erkannte lediglich ihre Silhouette. Und lächelte. Das Haar für seinen Geschmack zu kurz, aber das wusste er bereits. Irgendwie kam sie ihm sehr vertraut vor.
Mit einem zarten Geräusch schob sie hinter sich die Tür ins Schloss. Nun sah er nur noch dunkle Umrisse. Die Kerzen waren nicht in der Lage, soviel Licht zu spenden, dass er sie betrachten konnte. Er erkannte an ihrer Haltung, dass sie keine flachen Schuhe trug. Undeutlich zeichnete sich ab, dass sie Nylons unter ihrem Trenchcoat trug, das war es.
„Komm näher. Folge meiner Stimme. Jetzt gerade aus. Noch einen Schritt“
Rudolph traute seinen Augen nicht. Erst jetzt erkannte er, wer vor ihm stand. Die Augenbinde hatte verhindert, dass er die Frau aus dem Vier Jahreszeiten erkannt hatte.
Fassungslos starrte er das Miststück an. Das also war ihr Date! Er selbst war es. Unglaublich.
Rudolph konnte immer noch nicht fassen, was dort gerade abging. Die Frau, die er überhaupt nicht leiden konnte, stand vor ihm und wollte sich auf ein Spiel einlassen.
„Einen Schritt noch“ Sie tat, wie ihr geheißen und Rudolph fand Vergnügen daran. Wunderte sich allerdings, dass sie seine Stimme nicht wieder erkannte.
Er stand auf. Ging zur Anrichte und öffnete den Champagner. Als der Korken sich mit einem sanften „plopp“ seiner Pflicht entledigt hatte, fuhr sie zusammen. Furcht? Gut…
„Streck die Hand aus“ Sagte er ruhig und goss das prickelnde Nass in ein Glas, um es ihr dann zu reichen. Sie zitterte ein wenig. Kaum zu bemerken, aber er sah, dass sie sich Mühe gab, sicher und ruhig zu wirken.
„Wir trinken auf den Abend. Dass er so endet, wie wir ihn uns erträumt haben. Wir trinken auf das Leiden, auf das süß- schreckliche Leiden“
„Darauf trinken wir“ Erwiderte sie und dieser rotzig- freche Ton, diese scheinheilige Selbstsicherheit war komplett aus ihrer Stimme verschwunden. Was, wenn sie wüsste, wen sie vor sich hat? Wäre es nicht fair, ihr zu sagen, wer hier stünde? Nein, Beruf und Privat kann man getrost trennen.
Mit einem sanften „pling“ stießen die Gläser zusammen und Rudolph nahm einen tiefen Schluck. Es tat gut, zu spüren, wie das Getränk seine Kehle hinab lief und im Magen ein wohliges Gefühl erzeugte.
„Jetzt leg den Mantel ab“
Sie hielt ihm das Glas entgegen. Er stellte es achtlos auf die Anrichte, ohne den Blick von ihr zu wenden.
Fahrig nestelte sie den Knoten auf, während er sich lautlos entfernte und eine Position hinter ihr einnahm.
Mit seidigem Rascheln fiel der Mantel zu Boden. Nun, was sie darunter hatte, war ihm ja bereits bekannt. Dennoch sah er gern hin, denn das hier waren vollkommen andere Voraussetzungen.
„Dreh dich um“ Sein Ton war vollkommen wertfrei. Keine tonale Schwingung ließ Rückschlüsse auf seinen Zustand zu. Sollte sie doch denken, dass er die „Ware“ erst begutachten musste.
Doch sie zögerte und er grinste. Also doch der nachdrückliche Weg.
Lautlos näherte er sich.
Sicherlich erwartete sie, dass er sie mittels einer Gerte oder einem Rohrstock dazu bewegen würde.
Sicherlich nicht….
Er entschied sich für ein Nadelrad. Ein chirurgisches Instrument aus blitzendem Edelstahl.
Und es brauchte nicht einmal viel Kontakt. Ganz sanft berührte er sie am Schulterblatt und sie fuhr herum vor Schreck, als das kalte Metall ihren Rücken berührte.
„Na also. Brav. Jetzt eine Viertel Drehung“
Sie drehte sich rechts herum und bekam das Nadelrad gleich auf die andere Schulter.
„Ich sagte nichts von rechts“
Schnell drehte sie sich zur anderen Seite und bekam das Rad diesmal mitten auf eine Pobacke.
„Von Eigenmächtigkeiten habe ich ebenfalls nichts gesagt“
„Verdammt, was soll ich denn tun?“ Da war sie wieder, diese vorlaute Sprechweise.
„Hör nur zu. Paragraph 1: Hör GENAU zu. Paragraph 2: Hör nie mehr, als ich sagte. Paragraph 3: Wenn du es nicht weißt, frag nach. Und damit du die 3 Grundparagraphen nicht vergisst, wist du 3 Schläge bekommen. Da aber 3 eine ungerade Zahl ist, müssen wir die wohl verdoppeln. Welches ist dein Lieblingsinstrument?“
„Die Peitsche“ Antwortete sie und Rudolph grinste still vor sich hin, obschon die Antwort recht ungenau war.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back to top
error: Content is protected !!